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Beteiligung sinnvoll gestalten

Wie Projekte durch Beteiligung über
sich selbst hinauswachsen können

“Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeiteinzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.” – Antoine de Saint-Exupéry

Mitwirkung mit Wirkung

Beteiligung kommt in der Projektarbeit an vielen Stellen zum Tragen. Zu Beginn gilt es, Mitstreitende für euer Projektteam zu gewinnen. Innerhalb des Teams haben alle unterschiedliche Ideen und Bedürfnisse für das Projekt und in der Zusammenarbeit. Widerstände, mit denen ihr außerhalb eures Teams konfrontiert seid, könnt ihr abbauen, wenn ihr Menschen die Möglichkeit zur Mitwirkung eröffnet und sie so auch zum Teil des Ganzen werden können. Und gerade, wenn ein Projekt langfristig angelegt ist, braucht es Menschen und Strukturen, die dazu einladen, Verantwortung zu übernehmen.

Die Partizipationsleiter nach Hart

Ein Tool, das sowohl für die Analyse von Beteiligungsprozessen als auch für die Planung dieser sehr hilfreich sein kann, ist die Partizipationsleiter von Roger Hart. Mithilfe der Partizipationsleiter könnt ihr den Grad der Beteiligung in euren Projekten messen oder planen. Dabei wird deutlich, dass bei Beteiligung vor allem drei Aspekte eine Rolle spielen: Information, die Art der Entscheidungsfindung und Verantwortung.

Insgesamt gibt es zehn unterschiedliche Partizipationsstufen, die zusammengefasst werden unter Scheinpartizipation, Vorstufen der Partizipation und Partizipation. Bei der Scheinpartizipation werden Jugendlichen notwendige Informationen zur Mitgestaltung vorenthalten, Entscheidungen werden komplett ohne sie getroffen und sie können keine Verantwortung für den Prozess oder das Ergebnis übernehmen.

(1) Manipulation: Bei manipulativen Prozessen sind sowohl die Arbeitsform als auch das Ergebnis bereits festgesetzt, die Ziele bleiben jedoch unklar. Manipulation liegt zum Beispiel vor, wenn Kinder unwissend mit auf eine Demo genommen werden und dort Plakate tragen sollen.

(2) Dekoration: Bei dekorativen Prozessen machen Menschen bei Dingen mit, ohne zu wissen, worum es geht oder warum sie mitmachen. Vielleicht kennt ihr das von Veranstaltungen, auf denen Jugendliche lediglich zu Beginn einen Tanz aufführen, sonst aber keine Rolle haben.

(3) Alibiteilhabe: Dabei können Menschen an Prozessen teilnehmen, ihre Stimme findet aber keinen Einfluss. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn junge Menschen als Teilnehmende in Diskussionsrunden anwesend sind, aber dann doch die anderen nur über sie sprechen. In den Vorstufen der Partizipation werden Jugendlichen entweder Informationen über das Anliegen bereitgestellt oder sie können sich in Teilen einbringen und Verantwortung übernehmen oder sie wirken an Teilen von Entscheidungen mit, nicht aber alles davon.

(4) Teilhabe: Hierbei wirken Jugendliche in gewissem Maße über die bloße Teilnahme an Veranstaltungen hinaus mit. Sie übernehmen also eine gewisse Verantwortung, wissen aber nicht (ausreichend) über die Ziele oder Anliegen Bescheid, so dass weiteres Engagement verhindert wird.

(5) Information: Hier wird Jugendlichen eine umfassende Informationsbasis zur Verfügung gestellt, damit sie wissen, worum es geht und was sie bewirken sollen. Das Projekt selbst ist aber bereits vorbereitet und gesetzt. Dies ist beispielsweise bei einer Projektwoche zu einem vorgegebenen Thema der Fall. Hier können die Jugendlichen also nicht an Entscheidungen mitwirken.

(6) Mitwirkung: Jugendliche können einen gewissen, aber stets indirekten Einfluss auf Entscheidungen nehmen. Oft werden auf Veranstaltungen zum Schluss Fragebögen verteilt, anhand derer die nächste Veranstaltung geplant wird. Durch das Ausfüllen können Jugendliche indirekt Einfluss auf die Gestaltung nehmen. Bei der vorausgehenden Vorbereitung oder der Umsetzung der Veranstaltung können Jugendliche aber keinen Einfluss nehmen. Bei der tatsächlichen Partizipation sind nun alle Aspekte – umfassende Information, tatsächlicher Einfluss auf Entscheidungen und Verantwortungsübernahme – gegeben. Die verschiedenen Stufen in diesem Bereich unterscheiden sich durch das Ausmaß der Initiative der Jugendlichen.

(7) Mitbestimmung: Diese Stufe vermittelt ein Gefühl des Dazugehörens und der Mitverantwortung. Auch wenn die Idee für ein Projekt von Erwachsenen kommt, werden alle Entscheidungen gemeinsam getroffen und umgesetzt.

(8) Selbstbestimmung: Hier kommt auch die Idee für ein Projekt von den Jugendlichen selbst. Aus eigener Initiative und aus eigenem Anliegen heraus wird ein Vorhaben angestoßen und werden Entscheidungen dafür selbst getroffen. Erwachsene unterstützen und fördern die Idee. Sie tragen die Entscheidungen mit, selbst wenn sie nicht an diesen mitgewirkt haben sollten.

(9) Selbstverwaltung: Hierbei organisiert sich schließlich eine Gruppe komplett selbst und entscheidet über das Ob und das Wie eigenständig. Die Entscheidungen werden Erwachsenen lediglich mitgeteilt.


Wie ihr seht, ist dieses Modell sehr stark auf die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Abgrenzung zu Erwachsenen zugeschnitten. Ihr könnt es aber auch super für die Planung der Beteiligung innerhalb eurer Projekte anwenden, wenn ihr euch fragt, wie ihr andere junge Menschen in euer Projekt einbinden wollt. Wichtig ist zu berücksichtigen, dass nicht unbedingt immer die höchste Beteiligungsstufe das Ziel sein muss. Bei manchen Projekten oder für manche Kinder und Jugendliche (z.B. sehr junge Kinder) ist das gar nicht angemessen.

Damit Beteiligung aber ernsthaft und nachhaltig funktioniert, ist es empfehlenswert, dass die Mitstreitenden freiwillig mitwirken und es ein gemeinsam formuliertes Ziel gibt. Die Beteiligungsstufe kann auch innerhalb eines Projekts bei verschiedenen Aufgabenbereichen variieren. Je höher der Grad der Beteiligung, desto mehr Verantwortung können und werden eure Mitstreitenden übernehmen. Gerade für eine nachhaltige und langfristige Einbindung von Menschen in ein Projekt oder Projektteam ist es wichtig, einen hohen Grad an Beteiligung zu erreichen. Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, desto mehr Verantwortung kann übernommen werden. Je mehr Menschen eine Idee oder Entscheidung mittragen, desto mehr Energie stecken sie in die Umsetzung. Je mehr das Projekt Raum für die Umsetzung eigener Ideen bietet, desto umfangreicher und langlebiger wird das Projekt.

 MITWIRKUNG? MIT RECHT!

In fast allen Bereichen prägen junge Menschen mit ihren Ideen und Vorstellungen Gesellschaft. In Jugendparlamenten, in den Schüler*innenvertretungen an den Schulen, im Sportverein oder im Zusammenleben in der Familie setzen sich Kinder und Jugendliche für ihre Belange ein. Genauso oft sind sie mit Gegenwehr und Unverständnis konfrontiert. Dabei ist Beteiligung ein Recht junger Menschen.

In der “Konvention über die Rechte der Kinder” der Vereinten Nationen sind nicht nur Rechte zum besonderen Schutz von Kindern als weltweiter Anspruch verankert. Ausdrücklich wird in Artikel 12 das Recht festgeschrieben, dass Kinder und Jugendliche ihre “Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei […] äußern” können müssen und “die […] Meinung des Kindes angemessen […]” berücksichtigt werden muss. Diese Konvention ist 1992 in Deutschland in Kraft getreten, womit sie maßgebend für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist, auch wenn die Kinderrechte bis heute noch keinen Eingang ins Grundgesetz der Bundesrepublik gefunden haben. Hier gibt es jedoch umfangreiche Kampagnen, die sich für eine solche Verankerung einsetzen.

In vielen Bundesländern sind Kinder- und Jugendrechte hingegen ausdrücklich Bestandteil der Landesverfassungen und somit auch strukturell verbrieft. Die genaue Ausgestaltung und der Umfang der Berücksichtigung ist jedoch von Bundesland zu Bundesland und von Kommune zu Kommune verschieden. In Folge dieser Verankerung sind in den letzten Jahren mittlerweile aber auch Kinder- und Jugendparlamente, die zumindest beraten und in manchen Bundesländern auch Entscheidungen treffen dürfen, Teil der politischen Landschaft geworden.

Weitere Infos zur Kampagne und dazu, wie ihr sie unterstützen könnt, findet ihr hier .
Einen Überblick über die gesetzliche Verankerung von Kinder- und Jugendrechten in Deutschland findet ihr hier.

Gemeinsam Entscheidungen treffen

Zwei Methoden zur Beteiligung in Entscheidungssituationen:

Welche Tools und Methoden könnt ihr nutzen, um Beteiligung anzustoßen und zu gestalten?
Um eine breite Informationsbasis zu schaffen und dadurch Verantwortungsübernahme zu unterstützen, könnt ihr auf viele vorher beschriebene Methoden und Tools des Projektmanagements zurückgreifen und vor allem miteinander sprechen. Knifflig wird es in Projekten oft bei der Entscheidungsfindung und der Frage danach, wie ihr möglichst viele Menschen bei einer Entscheidung mitnehmen könnt. Dafür stellen wir euch zwei Methoden vor.

FÜNF-FINGER-KONSENS NACH WEAVER
Eine gute Möglichkeit, um schnell einen Überblick zu bekommen, wer zu einer Entscheidungsfrage wie eingestellt ist, ist die Fünf-Finger-Konsens-Methode. Zu Beginn wird eine Entscheidungsfrage formuliert und im Idealfall für alle sichtbar aufgeschrieben. Anschließend können alle in der Runde anhand der Anzahl ihrer Finger mitteilen, wie sie gerade zu der Frage stehen. Dabei gibt es die unten erläuterten Bedeutungen. Anschließend könnt ihr nachfragen, welche Punkte strittig sind, und diese weiter diskutieren.

Achtung: Ihr solltet euch vorher einigen, ob eine Faust die Entscheidung blockiert oder aufhebt. Die Methode sieht das so vor und gibt damit die Möglichkeit eines Vetos.

1 Finger: Daumen nach oben = uneingeschränkte Zustimmung
2 Finger: Daumen und Zeigefinger = leichte Bedenken, aber ich mache mit
3 Finger: Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger = mittlere Bedenken, aber ich mache mit
4 Finger: Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger und kleiner Finger = schwere Bedenken, habe Diskussionsbedarf, mache aber zur Not mit
5 Finger: die ganze Hand = Enthaltung, Faust = Widerspruch


SYSTEMISCHES KONSENSIEREN NACH VISOTSCHNIG UND SCHROTTA
Das systemische Konsensieren strebt ebenfalls eine Entscheidung an, die von möglichst vielen mitgetragen wird. Bei dieser Methode werden Widerstände (also Bedenken, Unmut, Ablehnung) zu unterschiedlichen Vorschlägen gesammelt. Der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand wird schließlich angenommen. Dieser berücksichtigt am stärksten unterschiedliche Interessen und kommt somit dem Konsens am nächsten.
Für die Entscheidungsfindung werden zunächst (1) alle Vorschläge zu einem Thema gesammelt.
Im Anschluss vergibt jede Person (2) für jeden einzelnen Vorschlag unabhängig von den übrigen Vorschlägen Widerstandspunkte zwischen 0 und 10. 10 Punkte bedeuten dabei das größte Unbehagen, 0 Punkte bedeuten keinerlei Bedenken in Bezug auf den Vorschlag.
Schließlich werden (3) alle Widerstandspunkte zusammengerechnet und der Vorschlag mit dem geringsten Widerstand ist beschlossen. Im Gegensatz zum Fünf-Finger-Konsens kann hierbei niemand eine Entscheidung blockieren.

Tipp: Sprecht vor der Punktevergabe darüber, ob ihr diese für alle sichtbar oder geheim durchführen wollt.

Weitere Informationen

 


Dieser Text ist Teil des Handbuchs „Mit Wissen mitwirken“, welches wir gemeinsam mit dem Freiwilligen Jahr Beteiligung erarbeitet haben. Das gesamte Handbuch bekommst du digital automatisch als Dankeschön, wenn du unseren monatlichen Newsletter abonnierst. Unter mitwirken@jugendbeteiligung.info kannst du zudem einzelne Printexemplare bestellen. Die Texte sind allesamt unter CC BY 4.0-Lizenz erschienen und können entsprechend verwendet werden.