Suche
Suche Menü

Jugendparlamente

Die 1001 Formen der Jugendbeteiligung – und der Jugendparlamente

Mit ein paar Worten die vielen verschiedenen Versionen der Jugendbeteiligung zusammenzufassen, ist eine fast unlösbare Aufgabe. Denn die Art und Weise des Engagements ist fast so vielfältig wie die Jugendlichen selbst, die sich dafür entschieden haben, ihre Energie und Zeit in die Gestaltung ihrer Umgebung zu
investieren.

Das fehlende Interesse Jugendlicher an „Politik“ kommt nicht von ungefähr. Wenn junge Menschen erst im Alter von 18 Jahren, im Rahmen der Wahlen, offiziell am Prozess der Demokratie beteiligt werden, ist es fast zu spät, das „Mitentscheiden“ als etwas Natürliches mit auf den Weg zu geben. Je früher Menschen damit vertraut werden, selbst zu entscheiden, in welchen Lebensbedingungen sie aufwachsen, desto selbstverständlicher übernehmen sie auch die Verantwortung innerhalb ihres Umfelds. Denn was man selbst entschieden und umgesetzt hat, das trägt man mit Überzeugung!
Die Frage der Beteiligung sollte gar keine sein. Partizipation, also Beteiligung, ist ein Muss, absolut notwendig in einer Gesellschaft, die auf ein Miteinander baut, in einem Sozialstaat, der das Wohl eines jeden Einzelnen im Auge hat.
Die Entscheidung für Jugendbeteiligung ist aber nicht das Ende der Diskussion, sondern der erste Schritt hin zur Frage: „Wie sollen wir uns denn beteiligen?!“.

mitmachen

Jugendbeteiligung durch Jugendparlamente

Die erste Idee zur Frage „Wie Jugendbeteiligung?“ ist fast immer die Einrichtung eines Jugendparlamentes, worauf meist im Augenblick nach dem Ausspruch dieser Idee ein erbitterter Streit entbricht, ob Jugendparlamente eine „nicht jugendgerechte Kopie von Erwachsenenstrukturen“ oder „gerade das richtige Instrument, um kontinuierlich und ernsthaft zu arbeiten,“ sei. Grund für diese Diskussionen ist –
neben den üblichen ideologischen Blockaden – oft, dass jeder seine eigene Vorstellung vom „Jugendparlament“ hat, und somit alle aneinander vorbeireden.

Deshalb ist in der Diskussion um Jugendparlamente folgendes immer zu beachten:
1.) „Jugendparlament“ ist nicht mehr als ein Wort
2.) Jugendparlament = Jugendrat = Jugendbeirat = Jugendforum = …
3.) Jugendparlament ­ Jugendparlament ­ Jugendrat ­ Jugendrat ­ …

„Jugendparlament“ ist nicht mehr als ein Wort. Weder gibt es eine gültige klare Definition für Jugendparlamente, noch könnte man sagen, dass es ein Jugendparlaments-Konzept gibt, das weit verbreitet wäre. Schon in der Bezeichnung gibt es willkürliche Unterschiede. Was in dem einen Ort „Jugendparlament“ heißt, heißt im anderen „Jugendrat“, heißt im nächsten „Jugendbeirat“, heißt in einer anderen Stadt „Jugendforum“, heißt am anderen Ende der Republik „Jugendgemeinderat“ oder heißt manchmal auch „Jugendkreistag“ oder auch „Runder Tisch der Jugend“. Umgekehrt unterscheidet sich das frei zusammengesetzte Jugendparlament in Berlin-Lichtenberg so sehr vom gewählten Jugendparlament in Berlin-Reinickendorf, dass man kaum noch von einem ähnlichen Modell sprechen. Gemeinsam haben sie nur ihre Institutionalisierung. Allein vom „Jugendparlament“ zu sprechen, bringt also wenig. Geeigneter ist es, anhand von konkreten Merkmalen verschiedene Projekte einzuordnen, bzw. neue zu planen.

Wer macht den ersten Schritt?

Dass Jugendliche die Initiative ergreifen und von sich aus ein Gremium ins Leben rufen, in dem sie sich treffen, um gemeinsam zu verändern, was sie stört, ist nicht selbstverständlich.
Gerade die bestehenden institutionellen Modelle wie Jugendparlamente und Jugendgemeinderäte wurden oftmals auf Initiative der ein oder anderen Partei im Stadtrat eingerichtet. Doch dabei wird auch der erste schwerwiegende Fehler gemacht: Jugendliche werden zu diesem Zeitpunkt der Konzepterarbeitung immer
noch außen vor gehalten. Nicht sie dürfen entscheiden, in welcher Art und Weise sie sich beteiligen wollen, sondern sie werden am Ende des Vorbereitungsprozesses vor feststehende Tatsachen gestellt. Konzipiert von Erwachsenen – das, was Jugendbeteiligung doch eben nicht bedeuten soll!
Aber die Rollenverteilung zwischen Jungen und Älteren ist keine Frage von Extremen, von „entweder – oder“. Jeder sollte in den Bereichen entscheiden, die ihn betreffen. Ist dies für alt und jung der Fall, tun sie das miteinander.
Kompetenzrangeleien sind nur Vorwand für die Angst um Schwächung der eigenen Position. Die möglicherweise langjährige Kenntnis der Erwachsenen über Wege und Mittel der Politik sollte Jüngeren als Hilfe zur Verfügung stehen, als Unterstützung in methodischen Fragen. Ihre zeitlich gesehen längere Erfahrung legitimiert sie aber nicht, über Jüngere hinwegzutreten. Sie mögen die Tipps und Tricks des Geschäftes „Politik“ beherrschen, sind deswegen aber noch nicht qualifizierter, eine Entscheidung zu fällen.
Solange ein Ziel angepeilt wird, steht die Arbeit mit- und nicht gegeneinander im Vordergrund. Die Qualitäten sollten sich ergänzen, im Sinne der Sache.

Es gibt nicht nur die Parlamente

Neben die institutionalisierten Jugendparlamente (oder ähnliche) werden die sogenannten offenen Modelle gestellt. Nicht an Verbände oder Institutionen gebundene Projekte sind in ihrer Hierarchie und Struktur oft einfacher und übersichtlicher. Sie sind gerade deswegen für Jugendliche attraktiver, weil sich junge
Leute nicht längerfristig an ein Gremium binden müssen, sonder spontan Beteiligung von Lust und Zeit abhängig gemacht werden kann. Oft fehlt aber die Komponente der kontinuierlichen Arbeit.
Auch die offenen Modelle sind durch und durch heterogen. Da gibt es die Foren oder Hearings – einmalig oder in größeren Zeitabständen mehrmalig stattfindende Versammlungen. Und da gibt es die projektorientierte Arbeit in problembezogenen Gruppen.
Und dann gibt es da noch eine Art von Jugendbeteiligung: Die Mitsprache oder gar Mitbestimmung von Jugendlichen in den gesetzlich vorgesehenen Entscheidungsgremien, jenseits von Parallel- oder Ergänzungsstrukturen – auch das gibt es.

typologie

Nicht entweder – oder.

Die Frage sollte nicht lauten: Sollen wir jetzt nur das eine oder das andere machen? Die Aufgabe, die zu lösen ist, heißt: Was passt hier am besten rein? Und wenn nicht nur eine sondern mehrere Formen benötigt werden, dann welche? Natürlich wollen Jugendliche ganz konkrete Probleme lösen. Natürlich braucht es deshalb projektorientierte Arbeit. Aber wenn nur zu einem Projekt gearbeitet wird, und danach niemand mehr überprüft, was mit den Ergebnissen und Forderungen passiert, hat sich die Arbeit nicht gelohnt. Also hilft eine kontinuierliche arbeitende, institutionalisierte Gruppe, das Projekt zusammenzuhalten und die Forderungen aus der Arbeit durchzusetzen. Ohne Rückkopplung mit dem Großteil der Jugendlichen
des Einzugsgebietes des Projektes geht aber auch hier der Basiskontakt verloren.
Dazu können offene Foren und Hearings dienen. Die Krönung bekommt das Modell dann letztlich, wenn es eng mit den entscheidenden „Erwachsenen“gremien verwebt ist.

Gerade die Kombinierung von verschiedenen Modellen erlaubt es, flächendeckend Jugendbeteiligung zu garantieren. Und schnell wird auch sichtbar, dass unterschiedliche Varianten auch junge Leute unterschiedlicher Schicht und differenzierenden Interesses anziehen.

Nicht Jugendliche müssen angepasst werden, sondern die Strukturen!

Die Politik begreift es dennoch als selbstverständlich, dass sich Jugendliche an die gegebenen politischen Strukturen anzupassen haben. Dabei liegt das Geheimnis eben darin, die Strukturen an die Bedürfnisse der Jugendlichen anzupassen und nicht umgekehrt! Auch diese Erkenntnis ist nicht selbstverständlich. Sie ist unbequem und mit einer Menge Aufwand und Arbeit verbunden. Doch wer von andern erwartet, dass sie sich engagieren, muss ihnen Arbeitsbedingungen bieten, die Anreiz schaffen und Engagement lohnend machen.

Bloß keine kleinkarierte Herangehensweise!

Es gibt nicht „das“ Jugendparlament oder „den“ Jugendrat, genauso wenig wie „die“ Jugendbeteiligung. Die Fülle an Varianten ist die Stärke der Jugendbeteiligung; sie muss auf den jeweiligen Bereich zugeschnitten sein und von örtlichen Gegebenheiten abhängig bleiben. Diese Strukturen vereinheitlichen zu wollen, wäre
der falsche Schritt.
Dass die Beteiligung aber noch nicht mit einer Stimme spricht, die ihre Vielfältigkeit zeigt und die ihr Gehör verschafft sowie Macht gibt, ist zu bedauern. Denn Parlamente und Foren, Räte und Projektgruppen, Jugendbeteiligung und Schülervertretung usw. usw. sind keine Konkurrenten sondern Partner. Wie stark
wäre ihr Gewicht, wenn sie gemeinsam wahrgenommen würden. Dies ist aber als Ansporn zu verstehen zur weiteren Verknüpfung und Vernetzung der Aktiven.